Resonanzen

 

  Rhein-Berg » Odenthal Kölner Stadt-Anzeiger - Nr. 148 - Freitag, 27. Juni 2008



Benjamin Britten im Dom

Düstere Klänge des Krieges

ERSTELLT 26.06.08, 18:40h

Mit Benjamin Brittens „War Requiem“ gingen die „Europäischen Musiktage“ im Dom zunächst zu Ende. Ein großes Publikum verfolgte eine große Aufführung.


Odenthal - Als Benjamin Britten sein War Requiem 1962 schrieb, komponierte er das Werk für die Wiedereinweihung der Kathedrale von Coventry, die im Krieg zerstört wurde. Er setzte seinem Werk die Zeilen voran: „My subject is War, and the pity of War“. Ein solches Werk kann nicht harmonisch sein, in Wohlklang baden. Und für solch ein Werk ist als Textgrundlage das mittelalterliche Requiem mit seiner Angst einflößenden Sequenz durchaus angemessen. Aber diese düstere Horrorvision reichte Britten nicht: Er verwob sie mit Kriegslyrik des im Ersten Weltkrieg gefallenen Wilfried Owen, der die apokalyptischen Monster aus dem Schützengraben bedichtete.

Diese Textbasis bringt auch der Musik die Struktur, die dreiteilig ausgedeutet wird. Das müssen natürlich Musiker-Massen ausführen: Waren es mehr als 500 Mitwirkende? Andreas Meisner, der gern mit Menschenmengen arbeitet, leitete auch diese Stimmen-Massen souverän, mit Nebendirigenten. Die Aufführung wirkte in ihrer Gesamtheit so eindringlich und ergreifend, dass es wirklich mit der notwendigen Schweigeminute am Schluss - vor dem ebenso berechtigten wie eigentlich unpassenden Riesenapplaus - klappte.

Die gruseligen Teile des Requiems singen ein gemischter Chor und ein Solosopran, in diesem Falle einige Chöre, nämlich Liverpool Cathedral Choir, Kölner Domchor, Royal Liverpool Philharmonic Choir, Vokalensemble Kölner Dom, Oratorienchor Köln und Domkantorei Köln, dazu die von der Kanzel aus auch wörtlich überragende Sopranistin Marina Rebeka und die Neue Philharmonie Westfalen. Für die selteneren Passagen des Lobpreises im Requiem stehen bei Britten Knabenstimmen, hier die hervorragend einstudierten Knabenstimmen der Liverpool Cathedral und des Kölner Domchors, die per Ferndirigat aus dem Chorumgang sangen. Sie wurden von der Orgel (Rolf Müller) begleitet. Und die poetischen Gräuel schildern die Solisten, hier Maximilian Schmitt (Tenor) und Sebastian Noack (Bariton), beide stimmlich herausragend und sehr eindrucksvoll zusammen mit dem Kammerorchester, das unter der Leitung von Ian Tracey spielte.

Das War Requiem ist kein harmonisches Stück. Da kommt auch mal Lautmalerei wie aus den Schützengräben, verschiedene Skalen stehen gegeneinander, es herrscht Heulen und Zähneklappern. Den Text zu verstehen, bleibt schwer - das wohnt der Komposition inne und ist manchmal vielleicht besser so.

Und dann sind da die lyrischen Passagen, die ergreifen und nicht nur klanglich versöhnen wollen. Schon zur britischen Uraufführung hatte Britten den deutschen Bariton Fischer-Dieskau vorgesehen, umso passender, dass in Altenberg die deutschen und britischen Chöre eng aneinander gereiht waren. Den versöhnenden Ausklang legt Britten selbst vor: mit einem Ende in Licht erfülltem, klarem Dur. Eigentlich ist es kein Werk für Applaus, egal, wie berechtigt er war. (D.M.)